Einleitung: Das Paradoxon der Schweizer Präzisionsfertigung
Die Schweizer Fertigungsindustrie agiert in einem der anspruchsvollsten ökonomischen Umfelder der Welt. Geprägt von einer historisch gewachsenen Obsession für Präzision – deren Wurzeln tief in der Uhrmacherei des Jurabogens liegen – und einem makroökonomischen Rahmen, der durch extrem hohe Lohnkosten und einen starken Schweizer Franken definiert wird, scheint die Produktion von CNC-Drehteilen in der Schweiz auf den ersten Blick ein betriebswirtschaftlicher Widerspruch zu sein. Warum florieren Schweizer Lohnfertiger (Job Shops) und interne Fertigungsabteilungen weiterhin, während die globale Konkurrenz aus Asien und Osteuropa mit Bruchteilen der hiesigen Stundensätze lockt?
Die Antwort liegt in einer komplexen Matrix aus technologischer Spitzenleistung, radikaler Effizienz, regulatorischen Schutzmechanismen und einer Neudefinition des Kostenbegriffs, der sich vom reinen Teilepreis hin zu den "Total Cost of Ownership" (TCO) verschiebt. Dieser Bericht, basierend auf umfassenden Marktdaten des Jahres 2024 und Prognosen für 2025, dekonstruiert die Kostenstruktur eines Schweizer CNC-Drehteils bis in die atomaren Bestandteile. Er richtet sich an Einkäufer, Supply-Chain-Manager und Geschäftsführer im DACH-Raum, die verstehen müssen, wofür sie bezahlen, wenn auf der Rechnung "Swiss Made" steht.
Wir analysieren nicht nur die offensichtlichen Faktoren wie Maschinenstundensätze und Materialpreise, sondern dringen tief in die Mikroökonomie der Rüstprozesse, die Strategien zur Bewältigung des Fachkräftemangels durch Polymechaniker und die subtilen, aber kostspieligen Auswirkungen von Zollformalitäten und Logistik ein.
1. Makroökonomische Rahmenbedingungen und Struktur der Herstellkosten
Bevor wir in die Granularität der Zerspanung eintauchen, muss das Fundament verstanden werden, auf dem Schweizer Kalkulationen stehen. Im Gegensatz zu Wettbewerbern im Euroraum kalkulieren Schweizer Unternehmen in einem Währungsgefüge, das Exportprodukte verteuert, aber den Import von Hochleistungsmaschinen und Rohstoffen vergünstigen kann.
Der Begriff "Hochpreisinsel" ist keine Floskel, sondern eine betriebswirtschaftliche Realität, die jeden Aspekt der Kalkulation durchdringt.
Immobilienkosten: Industrieland in Kantonen wie Zürich, Zug oder Aargau ist knapp und teuer. Dies treibt die Platzkosten pro Quadratmeter in der Maschinenstundensatzrechnung (MSR) in Höhen, die in Brandenburg oder im Elsass undenkbar wären. Eine Maschine, die 15 m² Fläche benötigt, muss in der Schweiz einen höheren Deckungsbeitrag erwirtschaften allein um "stehen zu dürfen".
Energiekosten: Zwar bezieht die Schweiz viel Strom aus Wasserkraft, doch die Netznutzungsgebühren und die allgemeine Preisstruktur führen zu industriellen Stromkosten, die in die variablen Maschinenkosten einfliessen.
Dienstleistungen: Externe Services wie Maschinenwartung, Kalibrierung von Messmitteln oder IT-Support werden zu Schweizer Tarifen abgerechnet, was den Gemeinkostenzuschlagssatz erhöht.
Diese strukturellen Nachteile zwingen Schweizer Fertiger in eine "Flucht nach vorn": Maximale Automatisierung und Konzentration auf Bauteile, deren Komplexität so hoch ist, dass der Lohnanteil durch Prozesssicherheit und Geschwindigkeit relativiert wird.
2. Der Maschinenstundensatz: Währung der Fertigung
Der Maschinenstundensatz ist die zentrale Kennzahl in der Angebotskalkulation. Er fasst die Kosten der Produktionskapazität pro Zeit in einem monetären Wert zusammen. Die Spanne in der Schweiz ist extrem und führt bei Einkäufern oft zu Verwirrung.
2.1 Differenzierung nach Maschinentypen und Technologien
Es ist essenziell zu unterscheiden, auf welcher Technologie ein Teil gefertigt wird. Ein "CNC-Drehteil" kann auf einer simplen 2-Achs-Maschine oder einem 9-Achs-Langdrehautomaten entstehen.
2.1.1 2-Achs- und 3-Achs-Drehmaschinen (Kurzdrehen)
Dies sind die "Arbeitspferde" für einfache Buchsen, Scheiben und Bolzen.
Investition: 100.000 – 200.000 CHF.
Stundensatz: 90 – 130 CHF.
Anwendung: Einfache Geometrien, mittlere Toleranzen. Hier steht die Schweiz im härtesten Preiskampf mit dem Ausland. Viele dieser Teile werden heute importiert, es sei denn, kurze Lieferzeiten sind gefordert.
2.1.2 Dreh-Fräs-Zentren (Mill-Turn) & Multitasking-Maschinen
Maschinen, die Drehen und 5-Achs-Fräsen kombinieren (z.B. Mazak Integrex, DMG Mori NTX). Sie ermöglichen die Komplettbearbeitung komplexer Teile in einer Aufspannung ("Done in One").
Investition: 400.000 – 800.000 CHF.
Stundensatz: 180 – 280 CHF.
Vorteil: Obwohl der Stundensatz hoch ist, entfallen Rüstvorgänge für Folgemaschinen (z.B. kein Umspannen auf eine Fräsmaschine). Dies eliminiert Liegezeiten und Ungenauigkeiten durch Umspannen. Für komplexe Schweizer Teile oft die wirtschaftlichste Lösung.
2.1.3 Langdrehautomaten (Swiss-Type Turning)
Die Königsdisziplin der Schweizer Fertigung (z.B. Tornos, Star, Citizen). Hier bewegt sich das Material durch eine Führungsbuchse, was das Drehen extrem langer und dünner Teile ohne Durchbiegung erlaubt.
Investition: 250.000 – 500.000 CHF.
Stundensatz: 140 – 200 CHF.
Besonderheit: Diese Maschinen sind extrem schnell und oft mit Stangenladern automatisiert. Ein Bediener kann 5-10 Maschinen betreuen. Dadurch sinkt der Personalanteil im verrechneten Satz massiv, was diese Technologie für Grossserien (Medizintechnik, Uhrenschrauben) sehr wettbewerbsfähig macht.
2.2 Detaillierte Berechnung des Maschinenstundensatzes
Transparenz ist der Schlüssel zur Akzeptanz von Schweizer Preisen. Eine professionelle Kalkulation basiert auf folgenden Säulen :
| Kostenart | Beschreibung | Jährliche Kosten (Beispiel High-End) | Einfluss auf Stundensatz (bei 1600h) |
| Kalkulatorische Abschreibung | Wiederbeschaffungswert verteilt auf 6-8 Jahre. In der Schweiz wird oft konservativ und schnell abgeschrieben, um technologisch "am Ball" zu bleiben. | 60.000 CHF | 37,50 CHF |
| Kalkulatorische Zinsen | Verzinsung des gebundenen Kapitals (Maschine + Werkzeuggrundausstattung). | 12.000 CHF | 7,50 CHF |
| Raumkosten | Platzbedarf inkl. Bedienfläche und Verkehrswege ($\times$ hoher Schweizer Mitzins). | 8.000 CHF | 5,00 CHF |
| Energiekosten | Strom, Druckluft (sehr teuer!), Kühlmittelaufbereitung. | 15.000 CHF | 9,38 CHF |
| Instandhaltung | Wartungsverträge, Spindelrevisionen, Ersatzteile (ca. 3-6% des Neuwerts). | 20.000 CHF | 12,50 CHF |
| Werkzeuggrundkosten | Verschleiss unabhängige Werkzeugaufnahmen. | 5.000 CHF | 3,12 CHF |
| Lohnanteil (variabel) | Anteil des Bedieners, der der Maschine direkt zugerechnet wird (z.B. 0,5 MA). | 60.000 CHF (Anteil) | 37,50 CHF |
| SUMME | 180.000 CHF | ~112,50 CHF |
Hinweis: Dies ist der interne Kostensatz. Der Verrechnungssatz an den Kunden beinhaltet zusätzlich Gemeinkostenzuschläge (Verwaltung, Vertrieb, Risiko, Gewinn), was den Marktpreis auf 140-180 CHF hebt. In "Maker-Spaces" wie dem FabLab Winterthur werden oft nur die Energiekosten oder symbolische Beiträge (2-4 CHF/15 min) verrechnet. Diese Preise sind verzerrend und für die industrielle Beschaffung irrelevant, da sie weder Kapitaldienst noch Fachpersonal abdecken.
2.3 Der Faktor Laufzeit vs. Stundensatz
Ein häufiger Fehler im Einkauf ist der reine Vergleich von Stundensätzen.
Lieferant A (DE): 80 €/h auf einer älteren Maschine. Laufzeit pro Teil: 10 Minuten. $\rightarrow$ 13,33 € Fertigungskosten.
Lieferant B (CH): 160 CHF/h auf modernem Doppelspindel-Drehzentrum. Laufzeit pro Teil: 4 Minuten (Simultanbearbeitung). $\rightarrow$ 10,66 CHF Fertigungskosten.
Durch höhere Investitionen in Technologie (die den Stundensatz treiben) senken Schweizer Fertiger die Stückzeit so massiv, dass sie am Ende günstiger sein können ("Productivity Paradox").
3. Der Faktor Mensch: Das teuerste Gut der Schweiz
Arbeitskraft ist in der Schweiz nicht nur teuer, sie ist eine knappe strategische Ressource. Der Beruf des Polymechanikers ist das Rückgrat der gesamten Branche.
3.1 Das Berufsbild Polymechaniker EFZ
Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, in denen angelernte "Maschinenbediener" (Operators) die Produktion am Laufen halten, setzt die Schweiz auf das duale Ausbildungssystem. Der Polymechaniker EFZ (Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis) ist eine 4-jährige, hoch anspruchsvolle Ausbildung.
Kompetenzen: Ein Polymechaniker kann programmieren, rüsten, Qualitätskontrollen durchführen, Werkzeuge warten und Prozesse optimieren.
Kostenwahrheit: Während ein angelernter Bediener in Osteuropa vielleicht 10-15 €/h kostet, liegt ein erfahrener Polymechaniker in der Schweiz bei einem Bruttojahreslohn von ca. 70.000 bis 85.000 CHF.
Vollkosten: Inklusive Sozialleistungen (Arbeitgeberbeiträge AHV/IV/ALV, Pensionskasse, Unfallversicherung) und Gemeinkosten (Arbeitsplatz, Schulung) kostet eine Stunde Polymechaniker-Arbeit das Unternehmen zwischen 100 und 140 CHF.
3.2 Lohngefälle und regionale Unterschiede
Auch innerhalb der Schweiz gibt es Unterschiede :
Hochlohn-Cluster: Zürich, Basel (Pharma-Einfluss), Genf (Uhrenindustrie). Hier konkurrieren Lohnfertiger mit Giganten wie Novartis oder Rolex um Personal, was die Löhne treibt.
Moderateres Niveau: Tessin, Teile der Ostschweiz oder ländliche Gebiete im Mittelland. Hier können Fertiger oft etwas günstigere Stundensätze anbieten.
Grenzgänger-Effekt: In Grenzregionen (Basel, Rheintal) beschäftigen viele Firmen Grenzgänger aus Deutschland oder Frankreich. Dies dämpft den Lohnanstieg etwas, wird aber durch den starken Franken (der die Löhne für die Grenzgänger in Euro extrem attraktiv macht) und regulatorische Hürden (Quellensteuer, Mindestlöhne) komplex gehalten.
3.3 Der Fachkräftemangel als Preistreiber
2024/2025 spitzt sich der Fachkräftemangel zu. Gute CNC-Programmierer sind "Goldstaub". Dies führt zu zwei Effekten:
Lohnspirale: Um Personal zu halten, steigen die Löhne über die Inflation hinaus.
Automatisierungszwang: Da Personal nicht verfügbar ist, investieren Firmen in Roboterzellen (Beladeroboter). Eine Roboterzelle "kostet" rechnerisch vielleicht 10-20 CHF/h und arbeitet nachts ("Geisterschicht"). Dies führt zu einer bizarren Kostenstruktur: Die bemannte Stunde am Tag (Rüsten, Programmieren) wird extrem teuer (um Personal zu decken), während die unbemannte Stunde in der Nacht (Serienproduktion) relativ günstig angeboten werden kann.
4. Rüstkosten: Die Achillesferse der Kleinserie
Die "High Mix / Low Volume"-Strategie der Schweizer Industrie macht das Rüsten zum kritischsten Kostenblock. Wenn eine Maschine für 200 CHF/h zwei Stunden stillsteht, um für einen Auftrag von 10 Teilen umgerüstet zu werden, explodieren die Stückkosten.
4.1 Zusammensetzung der Rüstkosten
In der Schweiz, wo Maschinen hoch ausgelastet sein müssen, um die Abschreibung zu verdienen, ist der Stillstand das teurere Element. Ein zweistündiger Rüstvorgang kostet real schnell 400-600 CHF.
Bei 10 Teilen bedeutet das 40-60 CHF Rüstaufschlag pro Teil. Bei 1000 Teilen sind es nur noch Rappen.
4.2 Programmierkosten
Die Programmierung (CAM) ist heute meist vom Rüstvorgang entkoppelt (Offline-Programmierung).
Kosten: Ein Programmierplatz (Softwarelizenz + High-End PC + Wartung) kostet ca. 15.000-20.000 CHF/Jahr. Der Programmierer ist oft der teuerste Mitarbeiter.
Verrechnung: Oft pauschal (z.B. "Programmierpauschale 250 CHF") oder nach Aufwand. Bei Wiederholaufträgen entfällt dieser Posten, was Stammlieferanten begünstigt.
4.3 Strategien zur Rüstzeitminimierung (SMED & Digitalisierung)
Um Rüstkosten zu senken, sind Schweizer Firmen Weltmeister in Effizienztechnologien :
Nullpunktspannsysteme: Erlauben den Wechsel von Vorrichtungen in Sekunden mit µm-Präzision.
Werkzeugvoreinstellung: Werkzeuge werden ausserhalb der Maschine vermessen. Die Daten gehen per Chip oder Netzwerk direkt in die Maschinensteuerung. Keine "Probier-Schnitte" mehr nötig.
Digitaler Zwilling (Virtual Commissioning): Das NC-Programm wird am PC simuliert, inkl. Kollisionsprüfung und Laufzeitoptimierung. Wenn der Auftrag auf die Maschine kommt, läuft das erste Teil sofort ("First Part Good"). Dies reduziert die Rüstzeit drastisch.
Standardisierung: Verwendung standardisierter Werkzeugsätze im Revolver, um bei Produktwechseln nur wenige Werkzeuge tauschen zu müssen.
Insight: Ein Anbieter, der in diese Technologien investiert hat, mag einen höheren Stundensatz haben, aber deutlich niedrigere Rüstpauschalen. Für den Kunden, der 50 verschiedene Teile à 20 Stück pro Jahr bestellt, ist dieser Anbieter (trotz höherem Stundensatz) in der Summe günstiger als ein technologisch rückständiger Betrieb mit niedrigem Stundensatz aber langen Stillstandszeiten.
5. Materialwahl: Ökonomie und Physik der Zerspanung
Die Wahl des Rohmaterials beeinflusst den Preis eines Drehteils doppelt: Direkt durch den Einkaufspreis und indirekt durch die Bearbeitungsgeschwindigkeit (Zerspanbarkeit).
5.1 Rohstoffmärkte 2024/2025
Die Preise für Halbzeuge (Stangenmaterial) unterliegen globalen Schwankungen, werden in der Schweiz aber durch Währungseffekte gedämpft oder verstärkt.
Aluminium (z.B. EN AW-6082 / AlMgSi1): Der Standard für Leichtbau.
Preis: Ca. 6-12 CHF/kg für Halbzeug.
Trend 2025: Volatil, tendenziell leicht sinkend aufgrund globaler Überkapazitäten, aber stark abhängig von Energiekosten (Aluminiumherstellung ist energieintensiv).
Edelstahl (z.B. 1.4301 / AISI 304 oder 1.4404 / AISI 316L): Der Standard für Korrosionsbeständigkeit.
Preis: Ca. 8-15 CHF/kg, aber ca. 3x höhere Dichte als Alu.
Legierungszuschläge: Nickel und Chrom (wichtige Bestandteile) werden börsentäglich gehandelt und als "Legierungszuschlag" (LZ) auf den Grundpreis aufgeschlagen. 2025 wird eine Stabilisierung erwartet, aber geopolitische Spannungen (Nickel aus Russland/Indonesien) bleiben ein Risiko.
5.2 Der Faktor Zerspanbarkeit: Zeit ist Geld
Der physikalische Widerstand, den das Material dem Werkzeug entgegensetzt, bestimmt die Schnittgeschwindigkeit ($v_c$) und den Vorschub ($f$).
Aluminium: Weich, gut wärmeleitend.
Schnittgeschwindigkeit: 400 - 1000 m/min.
Zerspanvolumen pro Zeit ($Q$): Sehr hoch.
Werkzeugverschleiss: Minimal.
Edelstahl (V2A/V4A): Zäh, neigt zur Kaltverfestigung, schlechte Wärmeleitung (Hitze geht ins Werkzeug).
Schnittgeschwindigkeit: 160 - 250 m/min.
Zerspanvolumen: Niedrig.
Werkzeugverschleiss: Hoch.
Kostenimplikation: Ein geometrisch identisches Teil kostet in Edelstahl oft 30% bis 60% mehr als in Aluminium. Nicht primär wegen des Materialpreises, sondern weil die Maschine länger belegt ist und mehr teure Wendeplatten verbraucht werden. Ein Titan-Teil (TiAl6V4) würde die Kosten nochmals um Faktor 2-3 steigern.
5.3 Recycling und Kreislaufwirtschaft
In der Schweiz ist das Schrottmanagement ein Erlösfaktor.
Sortenreinheit: Werden Späne (Alu, Stahl, Messing) strikt getrennt, zahlen Recycler hohe Vergütungen.
Rückvergütung: Bei Bauteilen mit hohem Zerspanvolumen (z.B. "Aus dem Vollen fräsen", 80% Materialabtrag) kann der Schrotterlös 10-20% der Materialkosten decken.
Dies fliesst in professionelle Kalkulationen als "Materialgemeinkostengutschrift" ein und senkt den Nettopreis.
6. Swiss Made und regulatorische Faktoren
Warum lassen Firmen in der Schweiz fertigen, wenn es teurer ist? Neben Qualität und Logistik spielt das Gesetz eine Rolle.
6.1 Die "Swissness"-Verordnung
Das Markenschutzgesetz (MschG) regelt strikt, wann ein Industrieprodukt (wie eine Uhr, eine Kaffeemaschine oder ein Messgerät) als "Swiss Made" bezeichnet werden darf.
Die 60%-Regel: Mindestens 60% der Herstellungskosten müssen in der Schweiz anfallen.
Strategische Bedeutung: Für einen Schweizer Uhrenhersteller ist das Label "Swiss Made" essenziell für die Preisdurchsetzung am Weltmarkt. Wenn er das Gehäuse oder wichtige Drehteile billig in Asien kauft, riskiert er, unter die 60%-Schwelle zu fallen.
Kostenakzeptanz: Daher akzeptieren diese Hersteller höhere Preise für Schweizer Zulieferteile ("Inlandsbeschaffung"), um die "Swissness" ihres Endprodukts rechnerisch abzusichern. Das Schweizer Drehteil ist somit eine "Versicherung" für den Markenwert des Endprodukts.
6.2 Import und Zoll: Hürden für den Wettbewerb
Wer versucht, Schweizer Preise durch Importe aus dem Euroraum (z.B. Deutschland) zu umgehen, stösst auf Hürden.
Gewichtszoll vs. Industriezollabbau: Per 1.1.2024 hat die Schweiz Industriezölle weitgehend abgeschafft. Für die meisten Metallteile (HS-Kapitel 73-76) gilt nun ein Zollsatz von 0.00 CHF. Das historische Hindernis des "Gewichtszolls" ist für diese Warengruppen gefallen.
Verzollungskosten bleiben: Auch bei Zollfreiheit fallen Verwaltungsgebühren an. Spediteure (Post, DHL, GLS) verlangen für die Zollanmeldung ("Vorweisungstaxe", "Grundgebühr") pauschal ca. 12-20 CHF plus ca. 3% vom Warenwert.
Mehrwertsteuer: Die Einfuhrsteuer (8,1%) ist sofort fällig und bindet Liquidität, auch wenn sie als Vorsteuer abziehbar ist.
Logistikkosten: Der Versand in die Schweiz (Nicht-EU) ist signifikant teurer als innerhalb der EU. "Kostenloser Versand" ist im B2B-Bereich bei Importen selten.
Zeitrisiko: Jede Grenze birgt das Risiko von Verzögerungen durch Zollbeschau. Für Just-in-Time-Produktion ist dies ein Risiko, das Schweizer Einkäufer vermeiden wollen.
7. Szenarienrechnung: Was kostet das Teil wirklich?
Um die Theorie zu erden, kalkulieren wir ein Musterteil: Eine Antriebswelle, Ø40mm, Länge 120mm, Material 1.4301 (Edelstahl), mittlere Komplexität (Drehen + Bohrbild stirnseitig).
Parameter:
Materialeinsatz: 1,3 kg (Stange Ø42) Materialkosten netto: 6,50 CHF.
Zykluszeit: 8 Minuten (0,133 h).
Maschinenstundensatz: 160 CHF/h.
Rüstzeit: 1,5 Stunden à 140 CHF/h = 210 CHF.
Programmierung: Einmalig 350 CHF.
Tabelle 1: Kostendegression nach Stückzahl
| Kostenfaktor | 1 Stück (Prototyp) | 10 Stück (Nullserie) | 100 Stück (Kleinserie) | 1.000 Stück (Serie) |
| Programmierung (anteilig) | 350,00 CHF | 35,00 CHF | 3,50 CHF | 0,35 CHF |
| Rüsten (anteilig) | 210,00 CHF | 21,00 CHF | 2,10 CHF | 0,21 CHF |
| Fertigung (8 min) | 21,33 CHF | 21,33 CHF | 21,33 CHF | 18,00 CHF (Optimiert*) |
| Material | 15,00 CHF (Mindermenge) | 8,00 CHF | 6,50 CHF | 6,00 CHF |
| Gemeinkosten/Gewinn | 100,00 CHF (Pauschale) | 20,00 CHF | 8,00 CHF | 5,00 CHF |
| GESAMTPREIS PRO STÜCK | 696,33 CHF | 105,33 CHF | 41,43 CHF | 29,56 CHF |
*Bei 1.000 Stück würde man den Prozess optimieren (bessere Werkzeuge, Schnittwerte ans Limit), was die Laufzeit senkt.
Analyse:
Beim Prototyp sind Material und Laufzeit fast irrelevant. 80% der Kosten sind Engineering (Programmieren) und Rüsten.
Bei der Kleinserie (100 Stk) ist der Preis bereits wettbewerbsfähig.
Bei der Grossserie nähert sich der Preis den Grenzkosten. Hier entscheidet die Automatisierung (läuft die Maschine nachts mannarm?), ob der Schweizer Anbieter gegen einen deutschen Konkurrenten (der evtl. 25 € anbietet) bestehen kann.
8. Antworten für die Sprachsuche (Voice Search Optimized)
Im Zeitalter digitaler Assistenten suchen Einkäufer oft schnelle Richtwerte. Hier sind prägnante Antworten auf die häufigsten Fragen.
Was kostet eine Stunde CNC-Drehen in der Schweiz?
Antwort: In der professionellen Schweizer Industrie liegen die Maschinenstundensätze für CNC-Drehen im Jahr 2026 zwischen 100 und 200 Franken. Einfache 2-Achs-Maschinen beginnen bei ca. 100-120 Franken, während komplexe Mehrkanal-Dreh-Fräs-Zentren oder Langdreher zwischen 160 und 250 Franken pro Stunde kosten. Diese Sätze beinhalten Maschine, Raum, Energie und Werkzeugverschleiss, oft jedoch nicht die volle Programmierleistung.
Wie hoch sind die Rüstkosten beim CNC-Drehen?
Antwort: Die Rüstkosten setzen sich aus dem Stundensatz des Einrichters (ca. 120-150 CHF) und dem Ausfall der Maschine zusammen. Für ein mittelschweres Bauteil müssen Sie mit einmaligen Rüstkosten zwischen 150 und 400 Franken rechnen. Bei Wiederholaufträgen entfallen diese Kosten oft teilweise, wenn moderne Nullpunktspannsysteme oder gespeicherte Programme genutzt werden.
Ist Aluminium oder Edelstahl billiger zu drehen?
Antwort: Aluminium ist fast immer günstiger in der Herstellung. Zwar schwanken die Rohstoffpreise, aber Aluminium lässt sich 3- bis 4-mal schneller bearbeiten als Edelstahl. Das reduziert die teure Maschinenlaufzeit massiv. Zudem halten die Werkzeuge bei Aluminium viel länger. Ein Bauteil aus Edelstahl kann daher in der Endkalkulation 30% bis 50% teurer sein als das gleiche Teil aus Aluminium.
Lohnt sich die Fertigung in der Schweiz trotz hoher Kosten?
Antwort: Ja, besonders für Präzisionsteile, Kleinserien und Eilaufträge. Die höheren Stundensätze werden oft durch effizientere Technologie und wegfallende Zoll-/Logistikkosten kompensiert. Zudem ist die Fertigung in der Schweiz essenziell, wenn das Endprodukt das Label "Swiss Made" tragen soll, da hierfür 60% der Herstellungskosten im Inland anfallen müssen.
9. Zukunftstrends und Fazit
9.1 Trends bis 2030
Hyper-Automatisierung: Der "Bediener", der Teile einlegt, verschwindet. Beladeroboter werden Standard, auch bei kleinen Losgrössen (durch flexible Kamerasysteme). Dies entkoppelt die Schweizer Fertigungskosten teilweise vom Lohnniveau.
Sustainability als Kostenfaktor: CO2-Abgaben und Nachweise über den "Carbon Footprint" eines Bauteils werden kommen. Hier punktet die Schweiz mit ihrem sauberen Strommix (Wasserkraft/Kernkraft) gegenüber Ländern mit kohlestromlastiger Produktion (wie teilweise China oder DE). Dies könnte ein neuer "Premium-Faktor" werden.
Plattform-Ökonomie: Online-Kalkulatoren (Instant Quoting), wie sie in Asien üblich sind, fassen auch in der Schweiz Fuss (z.B. durch Startups oder modernisierte Lohnfertiger). Dies erhöht die Preistransparenz drastisch.
9.2 Fazit: Kosten als Investition in Sicherheit
Ein CNC-Drehteil aus der Schweiz ist teuer, wenn man nur auf den Preis schaut. Es ist preiswert, wenn man auf den Wert schaut.
Der Schweizer Preis beinhaltet:
Die physische Perfektion des Teils (µm-Toleranzen).
Die Versorgungssicherheit (keine Suezkanal-Blockaden, keine Zollstaus).
Die Rechtskonformität ("Swiss Made", Materialzertifikate).
Die kulturelle Kompatibilität (Kommunikation, Agilität).
Für Einkäufer gilt: Commodity-Teile (Unterlegscheiben, einfache Bolzen) gehören auf den Weltmarkt. Aber sobald ein Bauteil "funktionskritisch" ist oder die Reputation des Endprodukts definiert, ist der Schweizer Franken gut investiert. Die Kunst liegt darin, durch frühe Zusammenarbeit (Design for Manufacturing) die Komplexität so zu reduzieren, dass die hohen Schweizer Stundensätze durch minimale Laufzeiten kompensiert werden.
