1. Einleitung: Der Stellenwert von Präzision in der DACH-Region
Die industrielle Landschaft der DACH-Region – Deutschland, Österreich und die Schweiz – geniesst weltweit einen Ruf, der untrennbar mit einem Wort verbunden ist: Präzision. Von den hochkomplexen Getriebekomponenten der deutschen Automobilindustrie über den spezialisierten Anlagenbau in Österreich bis hin zur unerreichten Feinmechanik der Schweizer Uhrenmanufakturen bildet die Fähigkeit, Werkstoffe mit höchster Genauigkeit zu bearbeiten, das Rückgrat des wirtschaftlichen Erfolgs dieser Region. Doch in einer Zeit, in der globaler Wettbewerb und Kostendruck zunehmen, reicht es nicht mehr aus, Qualität nur als technisch machbares Maximum zu definieren. Qualität muss heute als das wirtschaftliche Optimum zwischen technischer Notwendigkeit und produktionstechnischer Realität verstanden werden.
In der CNC-Zerspanung, und speziell im CNC-Drehen, manifestiert sich dieses Spannungsfeld in den Toleranzen. Sie sind die Sprache, mit der Konstrukteure ihre Anforderungen an die Fertigung kommunizieren. Ein Missverständnis dieser Sprache führt unweigerlich zu zwei Szenarien: Entweder versagt das Bauteil, weil es zu ungenau gefertigt wurde, oder es wird unverkäuflich, weil es zu präzise und damit zu teuer produziert wurde.
Dieser Bericht dient als erschöpfender Leitfaden für Einkäufer, Konstrukteure und Qualitätsmanager im deutschsprachigen Raum. Er beleuchtet die technischen Standards, die ökonomischen Gesetzmässigkeiten der Genauigkeit und die notwendigen Prozesse der Qualitätssicherung. Wir verzichten dabei bewusst auf mathematische Formelherleitungen und konzentrieren uns auf die phänomenologische und wirtschaftliche Analyse der Fertigungspraxis im Jahr 2026.
Antwort für Sprachsuche
Standardmässig erreichen moderne CNC-Drehmaschinen in der Lohnfertigung Toleranzen von +/- 0,01 bis 0,05 Millimetern. Dies gilt als wirtschaftlicher Standard. Für noch feinere Anforderungen, wie sie etwa in der Schweizer Uhrenindustrie oder der Medizintechnik üblich sind, sind Toleranzen im Mikrometerbereich (0,001 mm) möglich, diese sind jedoch aufgrund der erforderlichen Klimatisierung und Prozessüberwachung deutlich kostenintensiver.
2. Welche Toleranzen sind beim CNC-Drehen normal?
Die Frage nach der "Normalität" in der Fertigungstechnik ist komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheint. "Normal" ist ein relativer Begriff, der stark vom Kontext der Anwendung, der verwendeten Maschinentechnologie, den Werkstoffeigenschaften und nicht zuletzt von der Branche abhängt. Was im allgemeinen Maschinenbau als Präzisionswunder gilt, würde in der Einspritztechnik als grober Ausschuss betrachtet werden. Um eine fundierte Antwort zu geben, müssen wir die verschiedenen Ebenen der Genauigkeit betrachten, die im DACH-Raum den Markt bestimmen.
2.1 Der Industriestandard: DIN ISO 2768 und die Realität der Werkstatt
Für den Grossteil der im DACH-Raum gefertigten Drehteile – seien es Komponenten für den allgemeinen Maschinenbau, Landtechnik, Hydraulikarmaturen oder Verbindungselemente – bildet die Norm DIN ISO 2768 das fundamentale Regelwerk. Diese Norm für Allgemeintoleranzen ist der Anker, der greift, wenn auf einer technischen Zeichnung an einem spezifischen Mass keine explizite Toleranz vermerkt ist. Der klassische Verweis im Schriftfeld "Allgemeintoleranzen nach ISO 2768-mH" ist auf Millionen von Zeichnungen zu finden.
Doch was bedeutet dies in der Praxis? Die Normklasse "m" (mittel/medium) ist so definiert, dass sie mit standardmässigen spanabhebenden Fertigungsverfahren ohne extremen Sonderaufwand eingehalten werden kann.
Tabelle 1: Auszug der Allgemeintoleranzen nach ISO 2768-1 (Längenmasse)
| Nennmassbereich (mm) | Toleranzklasse f (fein) | Toleranzklasse m (mittel) | Toleranzklasse c (grob) | Toleranzklasse v (sehr grob) |
| 0,5 bis 3 | +/- 0,05 mm | +/- 0,1 mm | +/- 0,2 mm | - |
| > 3 bis 6 | +/- 0,05 mm | +/- 0,1 mm | +/- 0,3 mm | +/- 0,5 mm |
| > 6 bis 30 | +/- 0,1 mm | +/- 0,2 mm | +/- 0,5 mm | +/- 1,0 mm |
| > 30 bis 120 | +/- 0,15 mm | +/- 0,3 mm | +/- 0,8 mm | +/- 1,5 mm |
| > 120 bis 400 | +/- 0,2 mm | +/- 0,5 mm | +/- 1,2 mm | +/- 2,5 mm |
Diese Tabelle verdeutlicht, dass im Bereich typischer Drehteilgrössen (z.B. Durchmesser 20 mm bis 100 mm) eine Abweichung von +/- 0,2 bis +/- 0,3 mm normativ zulässig wäre, wenn nichts anderes angegeben ist.
Die technische Diskrepanz: Hier klaffen Norm und moderne Maschinenrealität oft auseinander. Eine moderne CNC-Drehmaschine, ausgestattet mit direkten Wegmesssystemen (Glasmassstäben), hochsteifen Linearführungen und aktiver Temperaturkompensation, fertigt deutlich genauer als ISO 2768-m erlaubt. In der Praxis der Lohnfertigung hat sich daher ein "ungeschriebener Standard" etabliert: +/- 0,05 mm. Ein Einkäufer, der ein Drehteil bestellt, erwartet heute implizit, dass die Masse innerhalb dieses Fensters liegen, auch wenn die Norm +/- 0,2 mm erlauben würde. Dies liegt daran, dass CNC-Maschinen digital gesteuert sind und eine Auflösung von 0,001 mm oder 0,0001 mm besitzen. Die Abweichungen entstehen nicht durch die Steuerung, sondern durch physikalische Einflüsse wie Werkzeugverschleiss oder Schnittdruck.
2.2 Hochpräzision: Die Schweizer Schule und die Grenzen der Physik
Verlässt man den Bereich des allgemeinen Maschinenbaus und blickt auf die Hochtechnologie-Sektoren, für die der DACH-Raum berühmt ist – Medizintechnik (Tuttlingen Cluster), Uhrenindustrie (Jura-Bogen) oder Luftfahrt – verschiebt sich der Massstab drastisch. Hier sprechen wir nicht mehr von Zehntelmillimetern, sondern von Mikrometern (µm).
Die Schweizer Langdrehtechnologie (Swiss-Type Turning) spielt hierbei eine Schlüsselrolle. Anders als bei konventionellen Drehmaschinen, bei denen das Werkstück fest eingespannt ist und das Werkzeug sich bewegt, bewegt sich beim Langdrehen das Material durch eine Führungsbuchse. Das Werkzeug greift unmittelbar (oft nur 1-2 mm) hinter dieser Führung an. Der physikalische Vorteil: Das Biegemoment ist eliminiert. Egal wie lang und dünn das Teil ist, an der Schnittstelle ist es absolut steif.
Das ermöglicht Toleranzen, die für Laien kaum vorstellbar sind:
Standard auf Swiss-Type Maschinen: +/- 0,005 mm (5 µm).
High-End Anwendungen: +/- 0,001 bis 0,002 mm (1-2 µm).
Zum Vergleich: Ein menschliches Haar ist ca. 0,050 bis 0,070 mm dick. Wir sprechen hier also von Bruchteilen eines Haares. Solche Toleranzen werden für Komponenten wie Knochenschrauben, Uhrenwellen oder Einspritzdüsen benötigt.
Herausforderungen bei Sub-Mikrometer-Toleranzen
Diese Präzision ist jedoch extrem sensibel gegenüber Umweltfaktoren. Ein oft übersehener Aspekt in der Beschaffung ist die thermische Ausdehnung. Stahl hat einen Ausdehnungskoeffizienten von ca. 11,5 µm pro Meter und Kelvin. Ein Bauteil mit 50 mm Durchmesser dehnt sich bei einer Erwärmung um nur 5 Grad Celsius (was durch die Bearbeitungswärme sofort passiert) um ca. 3 µm aus. Wenn die Toleranz +/- 2 µm beträgt, ist das Teil bereits Ausschuss, allein durch die Wärme. Daraus ergeben sich massive Kostenimplikationen:
Klimatisierung: Die Fertigungshalle muss auf +/- 1°C temperiert sein.
Messmittel: Messungen müssen im klimatisierten Messraum erfolgen, nachdem sich das Teil akklimatisiert hat (was Stunden dauern kann).
Prozess: Die Maschine muss "warmlaufen", bis das Maschinenbett thermisch stabil ist.
2.3 Einflussfaktoren auf die Toleranzfähigkeit
Warum kann man nicht jedes Teil auf 0,001 mm fertigen? Neben den Kosten gibt es physikalische Grenzen.
Materialspannungen: Viele Metalle (besonders kaltgezogene Stähle oder Kunststoffe) haben innere Spannungen. Wird die äussere Schicht zerspant, lösen sich diese Spannungen und das Bauteil verzieht sich ("krumme Banane"). Für hohe Präzision müssen spannungsarme oder geglühte Materialien verwendet werden, was die Materialkosten erhöht.
Werkzeugverschleiss: Jede Schneidplatte nutzt sich ab. Bei engen Toleranzen muss die Maschine diesen Verschleiss permanent kompensieren. Bei einer Toleranz von 0,01 mm kann man vielleicht 50 Teile fertigen, bevor korrigiert werden muss. Bei 0,002 mm muss unter Umständen nach jedem zweiten Teil gemessen und korrigiert werden. Das reduziert die Maschinenlaufzeit drastisch.
Geometrie: Dünnwandige Ringe oder lange, dünne Wellen neigen zu Schwingungen (Rattern). Diese Vibrationen verschlechtern die Oberfläche und machen enge Toleranzen unmöglich.
Zwischenfazit für den Leser: "Normal" ist beim CNC-Drehen ein Bereich von +/- 0,05 mm. Alles, was genauer ist, erfordert eine bewusste Entscheidung, spezielle Maschinen (Swiss-Type) oder erhöhten Aufwand in der Qualitätssicherung.
3. Erklärung: Was bedeutet H7 Passung?
In den technischen Büros und Fertigungshallen zwischen Hamburg und Zürich ist das Kürzel H7 allgegenwärtig. Es ist der Inbegriff einer Qualitätsbohrung. Doch was verbirgt sich hinter diesem Code, und warum ist er der Standard? Hier tauchen wir tief in das ISO-Passungssystem (DIN ISO 286) ein, eines der genialsten Standardisierungssysteme des Ingenieurwesens.
3.1 Die Philosophie der Einheitsbohrung
Das Passungssystem wurde entwickelt, um sicherzustellen, dass zwei Bauteile (Bohrung und Welle) definiert zusammenpassen, ohne dass jedes Paar individuell angepasst werden muss. Der Code H7 besteht aus zwei Informationen:
Der Buchstabe "H" (Lage des Toleranzfeldes): Grossbuchstaben stehen immer für Bohrungen (Innenmasse), Kleinbuchstaben für Wellen (Aussenmasse). Das "H" hat eine besondere Bedeutung: Es steht für die Einheitsbohrung. Das Toleranzfeld beginnt exakt bei der Nulllinie und geht nur ins Plus.
Merkregel: Eine H-Bohrung ist niemals kleiner als das Nennmass. Ein Ø 10 H7 Loch ist mindestens 10,000 mm gross, niemals 9,99 mm. Das untere Abmass ist Null.
Die Zahl "7" (Toleranzgrad / IT-Qualität): Die Zahl gibt die Grösse des Toleranzfeldes an, also wie viel "Spielraum" nach oben erlaubt ist. Je kleiner die Zahl, desto enger die Toleranz (IT1 ist extrem fein, IT18 ist extrem grob).
Warum hat sich H7 durchgesetzt? Der Grund ist rein wirtschaftlicher Natur und liegt in den Werkzeugkosten. Um eine präzise Bohrung herzustellen, nutzt man oft Reibahlen. Eine Reibahle ist ein teures Werkzeug mit einem festen Durchmesser.
Würde man verschiedene Bohrungstoleranzen zulassen (z.B. G7, K7, M7), bräuchte eine Werkstatt für jeden Nenndurchmesser dutzende verschiedene Reibahlen.
Beim System Einheitsbohrung einigt man sich darauf: Das Loch ist immer gleich (H7). Wenn wir wollen, dass die Welle locker sitzt (Spielpassung) oder fest sitzt (Presspassung), verändern wir den Durchmesser der Welle.
Eine Welle wird aussen gedreht. Dem CNC-Drehmeissel ist es egal, ob er auf 10,00 mm, 9,95 mm oder 10,05 mm programmiert wird. Es ist dasselbe Werkzeug.
Daher: Man standardisiert das teure Werkzeug (Bohrung/Reibahle auf H) und variiert das flexible Werkzeug (Welle).
3.2 Die Dimensionen der Qualität "7"
Wie genau ist H7 nun wirklich? Die Toleranzbreite wächst mit dem Durchmesser, da es technisch schwieriger ist, grosse Löcher präzise zu fertigen als kleine. Hier eine Übersicht der konkreten Werte, die für die Qualitätsprüfung relevant sind :
Tabelle 2: Grenzwerte für H7-Bohrungen (in µm und mm)
| Nennmass-Bereich | Toleranzfeldbreite | Unteres Grenzmass | Oberes Grenzmass | Beispiel Ø 10 mm |
| 1 bis 3 mm | 10 µm (0,010 mm) | 0 | +10 µm | - |
| > 3 bis 6 mm | 12 µm (0,012 mm) | 0 | +12 µm | - |
| > 6 bis 10 mm | 15 µm (0,015 mm) | 0 | +15 µm | 10,000 - 10,015 mm |
| > 10 bis 18 mm | 18 µm (0,018 mm) | 0 | +18 µm | - |
| > 18 bis 30 mm | 21 µm (0,021 mm) | 0 | +21 µm | 20,000 - 20,021 mm |
| > 30 bis 50 mm | 25 µm (0,025 mm) | 0 | +25 µm | - |
Das bedeutet: Ein 40 mm Lagergehäuse mit H7-Passung darf zwischen 40,000 mm und 40,025 mm gross sein. Ist es 40,026 mm, ist es Ausschuss (zu gross, Lager wackelt). Ist es 39,999 mm, ist es Ausschuss (zu klein, Lager passt nicht rein).
3.3 Das Zusammenspiel: Passungsarten in der Anwendung
Das Verständnis von H7 ist nur die halbe Miete. Die Funktion entsteht durch das Gegenstück, die Welle. Im DACH-Maschinenbau sind folgende Kombinationen Klassiker :
Spielpassung (Clearance Fit) – z.B. H7/f7 oder H7/g6:
Die Welle ist immer kleiner als das Loch (Untermass).
Anwendung: Bewegliche Teile, Lagerbuchsen, die sich drehen müssen, oder Teile, die sich leicht von Hand montieren und demontieren lassen sollen.
Gefühl: Die Welle "flutscht" in das Loch, hat aber spürbares Spiel (Wackeln).
Übergangspassung (Transition Fit) – z.B. H7/m6 oder H7/k6:
Die Toleranzfelder überschneiden sich. Die Welle kann winzig kleiner oder winzig grösser als das Loch sein.
Anwendung: Zentrierstifte, Zahnräder auf Wellen, Kugellagersitze.
Gefühl: Montage erfordert leichte Schläge mit dem Schonhammer. Das Teil sitzt fest, wackelt nicht, kann aber demontiert werden. Dies ist die "Brot-und-Butter"-Passung für präzisen Maschinenbau.
Übermasspassung / Presspassung (Interference Fit) – z.B. H7/p6 oder H7/s6:
Die Welle ist in jedem Fall grösser als das Loch.
Anwendung: Naben, die Drehmoment übertragen müssen, unlösbare Verbindungen.
Montage: Nur möglich durch Erhitzen der Bohrung (Dehnung) oder Kühlen der Welle (Schrumpfen) und hydraulisches Pressen. Kaltes Fügen würde die Oberflächen zerstören (Fressen).
3.4 Fertigungstechnische Umsetzung von H7
Wie erreicht der CNC-Dreher diese Qualität? Einfach "drehen" reicht oft nicht, da der Schnittdruck den Meissel wegdrückt und die Bohrung leicht konisch oder unrund werden kann. Der typische Prozess für eine H7-Bohrung ist dreistufig und damit teurer als eine Standardbohrung:
Zentrieren: Damit der Bohrer nicht verläuft.
Bohren: Mit einem Spiralbohrer, jedoch ca. 0,2 bis 0,5 mm kleiner als das Nennmass.
Ausdrehen oder Reiben:
Reiben: Eine Reibahle wird langsam eingefahren. Sie schneidet nur minimal Material ab, glättet die Oberfläche und kalibriert das Loch perfekt rund und zylindrisch.
Ausdrehen: Ein feiner Bohrstahl (Bohrstange) nimmt den letzten Span ab. Dies ist flexibler (jedes Mass möglich), aber bei tiefen Bohrungen schwieriger wegen Vibrationen.
Dieser Mehraufwand an Werkzeugplätzen im Revolver der Maschine und an Zykluszeit erklärt, warum H7-Passungen teurer sind als "Löcher nach ISO 2768-m".
4. Kostenfalle: Warum man nicht alles "so genau wie möglich" tolerieren sollte
Ein Phänomen, das Lohnfertiger in Deutschland, Österreich und der Schweiz täglich beobachten, ist die sogenannte "Angst-Tolerierung". Konstrukteure, oft unter Zeitdruck oder unsicher über die realen Belastungen eines Bauteils, neigen dazu, Toleranzen enger zu wählen als funktional notwendig. Die Logik: "Mit +/- 0,01 mm bin ich auf der sicheren Seite. Mit +/- 0,1 mm riskiere ich, dass es klappert."
Diese Denkweise ist eine der grössten Kostenfallen in der modernen Produktion. Der Zusammenhang zwischen Genauigkeit und Herstellkosten ist nicht linear, sondern exponentiell.
4.1 Die Kostenkurve der Präzision
Empirische Daten aus der Fertigungstechnik zeichnen ein klares Bild der Kostenexplosion bei steigenden Anforderungen. Wenn wir die Kosten für eine "grobe" Bearbeitung (Schruppen, +/- 0,5 mm) als Basiswert (100% oder Faktor 1) setzen, entwickeln sich die Kosten wie folgt :
Grob-Bearbeitung (+/- 0,5 mm): Kostenfaktor 1x. Hier geht es um Zeitspanvolumen. Die Maschine fährt mit maximaler Last, Oberflächengüte ist zweitrangig.
Standard-Qualität (+/- 0,1 mm, ISO 2768-m): Kostenfaktor ca. 2x. Es ist ein Schlicht-Schnitt notwendig. Die Masse müssen gelegentlich geprüft werden.
Feine Bearbeitung (+/- 0,025 mm, ca. IT7-IT8): Kostenfaktor ca. 4-5x.
Grund: Die Schnittgeschwindigkeit muss oft reduziert werden. Werkzeuge müssen häufiger gewechselt werden, um Massabweichungen durch Verschleiss zu vermeiden. Die Messfrequenz steigt (z.B. jedes 10. Teil statt jedes 100. Teil).
Sehr feine Bearbeitung (+/- 0,005 mm, ca. IT6): Kostenfaktor 10x - 20x.
Grund: Dies ist oft die Grenze des reinen Drehens. Prozesssicherheit erfordert Temperaturkompensation, hochwertige Spannmittel (um das Teil nicht zu verdrücken) und 100%-Prüfung. Ausschussraten steigen signifikant.
Höchstpräzision / Schleifen (+/- 0,001 - 0,002 mm): Kostenfaktor > 40x.
Grund: Drehen reicht oft nicht mehr aus. Das Teil muss auf eine Rundschleifmaschine umgespannt werden (zusätzlicher Rüstaufwand, zweite Maschine, zweiter Mitarbeiter). Klimatisierung und Metrologie werden zu Hauptkostentreibern.
4.2 "So genau wie nötig" – Ein Praxisbeispiel
Betrachten wir eine einfache Antriebswelle aus Stahl.
Szenario A (Der Angst-Konstrukteur):
Lagersitz: Ø 20 k6 (+0,015 / +0,002). Notwendig für die Funktion.
Freistich: +/- 0,05 mm. Unnötig eng.
Gesamtlänge: +/- 0,05 mm. Unnötig eng, da nur Luft drumherum ist.
Durchmesser am Griffstück: +/- 0,02 mm. Optik, aber funktional irrelevant.
Szenario B (Der kostenbewusste Konstrukteur):
Lagersitz: Ø 20 k6. Bleibt gleich.
Freistich: "nach DIN 509" oder ISO 2768-m (+/- 0,2 mm).
Gesamtlänge: +/- 0,5 mm.
Durchmesser am Griffstück: +/- 0,2 mm.
Die Konsequenz: Im Szenario A muss der Dreher an vier verschiedenen Stellen "aufpassen", messen und korrigieren. Die Maschine läuft langsamer. Im Szenario B konzentriert sich alles auf den Lagersitz. Der Rest wird "runtergeschrubbt". Ergebnis: Szenario B ist vermutlich 30% bis 50% günstiger in der Herstellung als Szenario A, bei identischer Funktionalität der Baugruppe.
4.3 Form- und Lagetoleranzen (GD&T) als Kostensenker
Ein oft übersehener Hebel ist der intelligente Einsatz von Form- und Lagetoleranzen (Geometric Dimensioning and Tolerancing). Anstatt ein Mass extrem eng zu tolerieren (z.B. den Abstand zweier Bohrungen auf +/- 0,02 mm), kann man eine Positions-Toleranz verwenden. Dies erlaubt oft grössere Toleranzfelder (Maximum Material Principle), wenn das Loch selbst grösser als das Nennmass ist. Auch hier gilt: Wer Koaxialität, Rundlauf oder Zylinderform fordert, muss wissen, dass diese Merkmale aufwendig zu prüfen sind (oft nur auf einer 3D-Messmaschine). Ein einfacher Rundlauf ("Schlag") lässt sich auf der Drehbank mit einer Messuhr prüfen. Eine Zylinderform-Toleranz erfordert oft scannende Systeme. Tipp: Verwenden Sie Allgemeintoleranzen für Form und Lage (ISO 2768-K oder -H) wo immer möglich, und spezifizieren Sie nur dort, wo es kritisch ist.
5. Messprotokolle: Wann sollte ein Einkäufer ein Prüfprotokoll verlangen?
In der qualitätsbewussten DACH-Region ist das "Papier zum Teil" oft genauso wichtig wie das Teil selbst. Doch Messprotokolle sind teure Dienstleistungen. Ein falsch angefordertes Protokoll kann die Beschaffungskosten unnötig in die Höhe treiben, während ein fehlendes Protokoll im Schadensfall ruinös sein kann.
5.1 Die Hierarchie der Prüfbescheinigungen (EN 10204)
Es ist essentiell, die Begrifflichkeiten sauber zu trennen, da die Kostenstrukturen völlig unterschiedlich sind.
Werksbescheinigung 2.1: Bestätigt nur, dass geliefert wurde, was bestellt ist. Keine Messwerte. Kosten: Meist 0 €.
Werkszeugnis 2.2: Bestätigt, dass die Teile auf Basis einer nicht-spezifischen Prüfung den Anforderungen entsprechen. Der Hersteller prüft seinen Prozess regelmässig, aber nicht zwingend genau die Teile in dieser Kiste. Kosten: Gering.
Abnahmeprüfzeugnis 3.1 (Der Goldstandard): Hier bestätigt ein vom Fertigungsleiter unabhängiger Abnahmebeauftragter (Qualitätssicherung), dass diese spezifische Lieferung geprüft wurde. Die Ergebnisse der Prüfung (Ist-Werte) werden meist dokumentiert. Kosten: Hoch (ca. 50-150 € pro Auftrag oder Position).
Abnahmeprüfzeugnis 3.2: Hier kommt zusätzlich ein externer Prüfer (z.B. TÜV) ins Haus. Kosten: Sehr hoch. Nur für Druckbehälter o.ä. relevant.
5.2 Strategischer Einsatz von Messprotokollen
Wann lohnt sich der Aufpreis für ein 3.1 Zeugnis oder ein spezifisches Massprotokoll?
Fall A: Das Protokoll ist unverzichtbar
Sicherheitsrelevante Bauteile: Alles, was bei Versagen Leib und Leben gefährdet (Bremskomponenten, Hydraulikventile, Flugzeugteile). Hier dient das Protokoll der juristischen Absicherung (Exkulpation) im Sinne des Produkthaftungsgesetzes.
Funktionskritische Passungen: H7-Bohrungen oder Presssitze, die später maschinell montiert werden. Wenn ein Roboter das Teil in der Montage nicht fügen kann, steht das Band still. Ein Protokoll stellt sicher, dass kein "Ausreisser" geliefert wird.
Neuer Lieferant (Onboarding): Bei der Erstbestellung bei einem neuen Lohnfertiger sollte immer ein Messprotokoll gefordert werden. Es ist der "Lackmustest", ob der Lieferant überhaupt in der Lage ist, seine eigene Qualität zu verifizieren.
Fall B: Das Protokoll ist Geldverschwendung
Standardteile / Optische Teile: Für Griffe, Abdeckungen oder Distanzbolzen ist ein Protokoll meist Overkill.
"Alle Masse": Die Forderung "Messprotokoll über alle Zeichnungsmasse" ist extrem teuer. Ein komplexes Drehteil hat 50 Masse. 50 Masse manuell zu messen und zu dokumentieren dauert 30-60 Minuten. Das kostet schnell mehr als das Bauteil selbst.
Bessere Strategie: Definieren Sie SC-Merkmale (Significant Characteristics). Markieren Sie in der Zeichnung 3-5 kritische Masse (z.B. den Lagersitz und die Gesamtlänge) und fordern Sie nur für diese ein Protokoll. Das senkt die Kosten drastisch.
5.3 Die Kosten der Prüfung
Man darf nicht vergessen: Qualität kann man nicht in ein Teil "hineinprüfen", man kann sie nur feststellen.
Ein Standard-Messprotokoll bei Online-Fertigern wie Xometry oder Protolabs kostet oft pauschal zwischen 75 € und 150 €.
Bei Serienfertigung werden oft CAQ-Systeme (Computer Aided Quality) genutzt, die Messdaten direkt von der digitalen Schieblehre in das Protokoll funken. Das macht Serienprotokolle günstiger pro Stück, aber die Einrichtkosten bleiben.
Externe Messdienstleistung: Wenn der Fertiger ein Mass nicht selbst prüfen kann (z.B. komplexe 3D-Freiformflächen), muss er es extern messen lassen. Dies kostet schnell mehrere hundert Euro und verlängert die Lieferzeit um Tage.
Fazit für Einkäufer: Fordern Sie so viel Dokumentation wie nötig, um Ihr Risiko zu minimieren, aber so wenig wie möglich, um die Kosten nicht aufzublähen. Ein 3.1 Zeugnis für kritische Merkmale ist oft der beste Kompromiss.
6. Exkurs: Die Schweizer Uhrenindustrie – Präzision am Limit
Um den Begriff "Qualität" im DACH-Kontext vollständig zu erfassen, muss man einen Blick auf die Spitze der Pyramide werfen: Die Schweizer Uhrenindustrie. Sie treibt die CNC-Technik an die Grenzen des physikalisch Machbaren.
Hier werden Werkstoffe wie Messing (bleifrei), Neusilber, Titan Grade 5 und rostfreie Stähle (z.B. 1.4441 / 316L) bearbeitet. Die Toleranzen liegen, wie eingangs erwähnt, oft bei +/- 1 µm. Doch die Herausforderung geht über das reine Mass hinaus:
Oberflächengüte: Es werden Rauheitswerte von Ra 0,05 µm bis 0,1 µm gefordert. Das ist spiegelglatt. Herkömmliches Drehen erreicht oft nur Ra 0,4 bis 0,8. Um diese Oberflächen zu erreichen, werden Diamantwerkzeuge (MKD) und extrem hohe Drehzahlen auf hochsteifen Maschinen eingesetzt.
Ästhetik: Ein Kratzer, der mit blossem Auge nicht sichtbar ist, aber unter der 10-fach Lupe des Uhrmachers erscheint, ist ein Reklamationsgrund. Die Teile müssen daher nicht nur präzise gefertigt, sondern auch extrem schonend gehandhabt werden (kein Schütten in Kisten, sondern Einzelablage auf Paletten).
Diese extreme Qualität hat ihren Preis und erfordert spezialisierte Partner. Ein Lohnfertiger, der Traktorteile dreht, wird an einer Unruhwelle für eine Uhr scheitern – nicht unbedingt an der Maschine, sondern an der fehlenden Infrastruktur für Sauberkeit und Feinmessung.
7. Zusammenfassung und Handlungsempfehlungen
Die Landschaft der CNC-Toleranzen im DACH-Raum ist vielfältig. Vom robusten Maschinenbau bis zur filigranen Medizintechnik gelten unterschiedliche Regeln der "Normalität".
Für den erfolgreichen Einkauf und die Konstruktion lassen sich folgende Kernpunkte als Leitfaden festhalten:
Standard ist gut: Vertrauen Sie auf ISO 2768-m (+/- 0,1 bis 0,2 mm) für alle nicht-kritischen Masse. Das ist der günstigste und schnellste Weg zum Bauteil.
H7 gezielt einsetzen: Nutzen Sie H7 für Bohrungen, wo Passungen nötig sind. Es ist der Industriestandard, den jeder Fertiger beherrscht. Kombinieren Sie ihn sinnvoll mit Wellentoleranzen (h6, m6, f7).
Kostenkurve beachten: Jeder Schritt von 0,1 mm zu 0,01 mm zu 0,001 mm vervielfacht die Kosten. Hinterfragen Sie jede Toleranz, die enger als 0,05 mm ist. Ist sie wirklich funktional nötig?
Kommunikation ist Key: Ein klärendes Gespräch mit dem Fertiger vor der Zeichnungsfreigabe ("Können wir hier auf 0,05 gehen statt 0,02?") spart oft mehr Geld als jede Preisverhandlung.
Dokumentation mit Augenmass: Bestellen Sie 3.1 Zeugnisse für kritische Merkmale, aber vermeiden Sie Pauschalforderungen für 100%-Prüfungen von unkritischen Massen.
In der DACH-Region ist Qualität kein Zufall, sondern das Ergebnis von Planung, Disziplin und dem Verständnis für das technisch Machbare. Wer die Sprache der Toleranzen beherrscht, beherrscht auch die Kosten.
Referenz-Tabelle: Toleranzklassen und ihre wirtschaftliche Einordnung
| Toleranzbereich | ISO-Beispiel (ca.) | Typische Anwendung | Fertigungsaufwand | Kostenfaktor (ca.) |
| +/- 0,5 mm | ISO 2768-c (grob) | Gehäusedeckel, optische Teile ohne Passung, Vorbearbeitung | Sehr Gering (Schruppen) | 1x |
| +/- 0,1 - 0,2 mm | ISO 2768-m (mittel) | Standard-Drehteile, Schraubenlängen, Freistiche | Standard (Schlichten) | 2x |
| +/- 0,02 - 0,05 mm | IT9 / IT8 | Passschrauben, Lagersitze (grob), allgemeine Passungen | Hoch (Feinschlichten) | 4x |
| +0,000 / +0,018 mm | H7 (IT7) | Präzise Aufnahmebohrungen, Zahnradnaben, Kupplungen | Sehr Hoch (Reiben) | 5-8x |
| +/- 0,005 mm | IT6 | Lagersitze Hochleistungsmotoren, Spindelteile | Extrem (Hartdrehen/Schleifen) | 10-20x |
| < 0,002 mm | IT4/IT5 | Uhrenindustrie, Einspritzdüsen, Medizintechnik | Spezialmaschinen (Swiss) | > 40x |
Daten basieren auf aggregierten Industriewerten und relativen Kostenfaktoren im DACH-Raum.
