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Daten & Vorbereitung: Ein umfassendes Kompendium für die Lohnfertigung im DACH-Raum

3D-Modell (STEP) oder technische Zeichnung? Leitfaden zur perfekten Datenübergabe an CNC-Lohnfertiger im DACH-Raum: Toleranzen, Oberflächen, Material, Incoterms und IP-Schutz (NDA).

Daten & Vorbereitung: Ein umfassendes Kompendium für die Lohnfertigung im DACH-Raum

Einleitung: Die digitale Transformation der industriellen Beschaffungskette

Die industrielle Fertigung im deutschsprachigen Raum, der sogenannten DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz), durchläuft derzeit einen fundamentalen Wandel. Während traditionell die persönliche Beziehung zwischen dem Einkäufer eines Maschinenbauunternehmens und dem Meister eines Lohnfertigungsbetriebs das Fundament der Geschäftsbeziehung bildete, übernehmen zunehmend digitale Plattformen und automatisierte Prozesse diese Rolle. Diese Entwicklung, oft unter dem Schlagwort Industrie 4.0 subsumiert, verspricht Effizienzgewinne, Transparenz und eine drastische Reduzierung der Beschaffungszeiten. Doch die Digitalisierung der Schnittstelle zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer bringt eine neue, kritische Herausforderung mit sich: Die Qualität der übermittelten Daten entscheidet direkter denn je über den Erfolg oder Misserfolg eines Fertigungsprojekts.

In der Vergangenheit konnten Unklarheiten in einer technischen Zeichnung oft durch ein kurzes Telefonat oder den erfahrene Blick eines Facharbeiters, der die "Intention" des Konstrukteurs erahnte, geklärt werden. In der Welt der automatisierten Angebotserstellung (Instant Quoting) und der computergestützten Fertigung (CAM) sind solche informellen Korrekturschleifen jedoch Störfaktoren, die den Prozess verlangsamen oder gänzlich zum Erliegen bringen. Algorithmen raten nicht; sie kalkulieren auf Basis dessen, was explizit vorliegt. Fehlen Informationen oder sind Datensätze widersprüchlich, resultiert dies unweigerlich in Sicherheitsaufschlägen beim Preis, Lieferverzögerungen oder, im schlimmsten Szenario, in der Produktion von Ausschussware.

Dieses Dokument dient als erschöpfender Leitfaden für Ingenieure, Einkäufer und Produktentwickler, die Lohnfertigungsdienstleistungen im DACH-Raum in Anspruch nehmen wollen. Es analysiert die technischen Anforderungen an Anfrageunterlagen, beleuchtet die Diskrepanz zwischen geometrischer Definition und fertigungstechnischer Spezifikation und untersucht die besonderen Anforderungen an Datensicherheit und den Schutz geistigen Eigentums, die insbesondere für den Schweizer Markt von Relevanz sind. Ziel ist es, ein tiefgreifendes Verständnis für die Notwendigkeit exzellenter Datenvorbereitung zu schaffen, um die Effizienz der Supply Chain zu maximieren.

Welche Dateien braucht ein Lohnfertiger für ein Angebot?

Die zentrale Fragestellung, die am Beginn jedes Beschaffungsprozesses steht, betrifft den konkreten Informationsbedarf des Fertigungspartners. Die Antwort darauf ist vielschichtig und hängt vom Grad der Automatisierung des Lohnfertigers ab, lässt sich jedoch auf einen universellen Standard im modernen Maschinenbau kondensieren.

Die Antwort für die Sprachsuche und schnelle Orientierung

Um ein präzises, verbindliches und fertigungsgerechtes Angebot zu erstellen, benötigt ein professioneller Lohnfertiger im heutigen Marktumfeld zwingend eine Kombination aus zwei Elementen: einem 3D-Modell (primär als STEP-Datei) und einer technischen 2D-Zeichnung (als PDF). Während das 3D-Modell die geometrische Basis für die automatisierte Volumen- und Oberflächenberechnung sowie die spätere CAM-Programmierung liefert, ist die technische Zeichnung das juristisch bindende Dokument für Toleranzen, Passungen, Oberflächengüten und spezielle Bearbeitungsvorschriften. Das Fehlen eines dieser beiden Elemente zwingt den Fertiger zu Annahmen, die das technische und kommerzielle Risiko erhöhen.

Die Dualität der Daten: Geometrie vs. Spezifikation

Es ist essenziell zu verstehen, warum die Industrie trotz fortschrittlicher 3D-CAD-Systeme (Computer-Aided Design) nach wie vor nicht auf die klassische 2D-Zeichnung verzichten kann. Diese Koexistenz ist kein Anachronismus, sondern eine Notwendigkeit, die aus den unterschiedlichen Informationsebenen resultiert, die diese Dateiformate transportieren.

Das 3D-Modell repräsentiert das ideale, mathematisch perfekte Bauteil. Es beschreibt die "Nenngeometrie". Ein Zylinder in einem STEP-File ist ein perfekter Zylinder. Für die Software, die den Preis kalkuliert, ist das 3D-Modell die Quelle der Wahrheit für das Rohmaterialvolumen, das Zerspanungsvolumen und die Zugänglichkeit der Werkzeuge. Moderne Online-Plattformen nutzen Algorithmen, die innerhalb von Sekunden die Geometrie analysieren, Hinterschnitte erkennen und die Machbarkeit für verschiedene Verfahren wie 3-Achs- oder 5-Achs-Fräsen prüfen. Ohne 3D-Daten ist eine solche automatisierte Kalkulation unmöglich, und der Lohnfertiger müsste das Bauteil mühsam manuell nachmodellieren oder Volumina händisch berechnen – ein Prozess, der Tage statt Minuten dauert und fehleranfällig ist.

Die 2D-Zeichnung hingegen beschreibt die zulässige Abweichung von dieser Perfektion. In der realen Welt der Fertigung gibt es keine absoluten Masse; es gibt nur Toleranzfelder. Die Zeichnung definiert, wie weit das gefertigte Teil von der idealen 3D-Geometrie abweichen darf, ohne seine Funktion zu verlieren. Sie enthält Informationen, die (noch) nicht standardmässig und verlustfrei in einfachen 3D-Austauschformaten enthalten sind: Oberflächenrauheiten, Härteangaben, Beschichtungsvorschriften, Prüfmasse und Montagehinweise. Sie ist, insbesondere im Rechtsraum der DACH-Region, der "Vertrag" über die Beschaffenheit der Ware.

Das 3D-Modell: Das digitale Rückgrat der Fertigung

Wenn wir tiefer in die Materie der 3D-Daten eintauchen, wird deutlich, dass "3D-Datei" nicht gleich "3D-Datei" ist. Die Wahl des Formats und die Qualität des Exports haben signifikante Auswirkungen auf die Prozesssicherheit.

Warum STEP der Industriestandard ist (und nicht STL oder Native)

In der heterogenen Landschaft der CAD-Software – dominiert von Systemen wie SolidWorks, Siemens NX, CATIA, Autodesk Inventor und Creo – ist Interoperabilität der Schlüssel. Ein Lohnfertiger kann unmöglich Lizenzen für alle nativen Formate aller Softwareversionen vorhalten. Zudem bergen native Formate Risiken: Versionskonflikte (eine Datei aus SolidWorks 2024 lässt sich in der 2022er Version nicht öffnen) und die unbeabsichtigte Preisgabe von Konstruktionshistorien (Feature Trees) sind häufige Probleme.

Daher hat sich das Format STEP (Standard for the Exchange of Product model data, ISO 10303) als der Goldstandard für den neutralen Datenaustausch im Maschinenbau etabliert. Im Gegensatz zu Formaten wie STL (Stereolithography), die die Oberfläche lediglich durch ein Netz aus planaren Dreiecken approximieren (Tesselierung) und somit für die präzise CNC-Bearbeitung von Kurven und Bohrungen ungeeignet sind, speichert STEP die exakte mathematische Beschreibung der Geometrie (NURBS - Non-Uniform Rational B-Splines). Dies garantiert, dass ein Kreis auch nach dem Import beim Fertiger ein mathematisch exakter Kreis bleibt und nicht zu einem Polygon wird.

Die Evolution der STEP-Protokolle: AP203, AP214 und AP242

Für den Anwender ist es wichtig zu wissen, dass STEP in verschiedenen "Application Protocols" (AP) existiert, die unterschiedliche Informationsdichten bieten. Die Wahl des richtigen Protokolls beim Export kann Rückfragen ersparen.

ProtokollBezeichnungEigenschaften und Anwendungsbereich
AP203Configuration Controlled 3D Design

Der kleinste gemeinsame Nenner. Enthält reine Geometrie, Topologie und Baugruppenstruktur. Robust und weit verbreitet, überträgt jedoch keine Farben oder Layer. Ideal für die reine Geometrieübertragung, wenn keine visuellen Attribute benötigt werden.

AP214Core Data for Automotive Mechanical Design

Entwickelt von der Automobilindustrie. Erweitert AP203 um Farben, Layer und GD&T (Geometric Dimensioning and Tolerancing) in begrenztem Umfang. Wenn ein Bauteil z.B. unterschiedliche Oberflächenbehandlungen erhalten soll, die im CAD farblich markiert sind, ist AP214 zwingend erforderlich.

AP242Managed Model Based 3D Engineering

Der modernste Standard, der AP203 und AP214 zusammenführt. Er ist speziell für Model-Based Definition (MBD) konzipiert und kann PMI (Product Manufacturing Information) wie 3D-Bemassungen und Toleranzen semantisch lesbar transportieren. Obwohl zukunftsweisend, wird AP242 noch nicht von allen CAM-Systemen und Online-Kalkulatoren vollumfänglich unterstützt.

Die Empfehlung für den DACH-Raum lautet aktuell meist: STEP AP214. Es bietet die beste Balance aus Kompatibilität und Informationsgehalt, da es erlaubt, Baugruppenstrukturen und farbliche Codierungen (z.B. für Passungen oder Gewinde) zu übertragen, ohne die Komplexität und Kompatibilitätsprobleme von AP242 zu riskieren.

Häufige Fehlerquellen im 3D-Export und ihre Konsequenzen

Selbst bei Verwendung des korrekten Formats können beim Export Fehler unterlaufen, die den Fertigungsprozess behindern. Ein klassisches Problem ist die Export-Auflösung. Obwohl STEP mathematisch exakt ist, bieten viele CAD-Systeme Einstellungen für die Genauigkeit der Kurvenapproximation beim Export. Ist diese zu niedrig eingestellt, können Freiformflächen im Zielsystem des Lohnfertigers als facettiert oder lückenhaft interpretiert werden. Dies führt dazu, dass CAM-Systeme keine geschlossenen Werkzeugwege berechnen können, da das Modell nicht "wasserdicht" (watertight) ist.

Ein weiteres, oft unterschätztes Problem ist die Einheiten-Inkonsistenz. Während der DACH-Raum strikt metrisch (Millimeter) arbeitet, können Importe aus internationalen Projekten oder falsch konfigurierte Export-Templates dazu führen, dass Modelle in Zoll (Inch) ausgegeben werden. Fehlt im Header der STEP-Datei die explizite Einheitendefinition oder wird diese vom Import-System ignoriert, resultiert dies in Bauteilen, die um den Faktor 25,4 zu klein oder zu gross sind. Dies wird bei der automatisierten Kalkulation oft nicht sofort erkannt, führt aber zu absurden Materialpreisen und Angeboten.

Ebenso kritisch ist der Umgang mit Baugruppen. Werden Baugruppen als eine einzige, verschmolzene Datei (Single Solid) statt als Baugruppenstruktur exportiert, verliert der Lohnfertiger die Möglichkeit, Einzelteile für die Fertigung zu isolieren oder Stücklisteninformationen abzugleichen. Dies ist besonders bei komplexen Vorrichtungen oder Maschinenmodulen problematisch. Die saubere Trennung von Bauteilen im Datenmodell ist Voraussetzung für eine korrekte Zuordnung von Materialien und Fertigungsverfahren zu den jeweiligen Komponenten.

Inhalt für den Kunden: Warum "nur ein 3D-Modell" oft nicht reicht

Die Illusion, dass ein 3D-Modell "alles enthält", ist einer der häufigsten und kostspieligsten Irrtümer in der modernen Lohnfertigung. Diese Annahme resultiert oft aus der Erfahrung mit additiven Fertigungsverfahren (3D-Druck), wo für einfache Prototypen eine STL-Datei oft tatsächlich ausreicht. In der präzisen Zerspanung (CNC-Fräsen, Drehen) und der professionellen Metallbearbeitung ist dies jedoch fatal. Das Fehlen einer technischen Zeichnung mit expliziten Toleranzangaben erzeugt ein Vakuum an Informationen, das Lohnfertiger entweder durch Risikoaufschläge oder durch Rückfragen füllen müssen.

Das Defizit der Perfektion: Fehlende Toleranzangaben

Ein 3D-Modell definiert, wie oben erwähnt, die Nenngeometrie. Eine Bohrung mit 10 mm Durchmesser ist im Modell exakt 10,0000... mm gross. Die Fertigungsrealität kennt diese Perfektion nicht. Jedes gefertigte Mass weicht vom Nennmass ab. Die entscheidende Frage für den Fertiger ist: Wie gross darf diese Abweichung sein?

Ohne explizite Angaben auf einer 2D-Zeichnung greift im DACH-Raum standardmässig die Allgemeintoleranz nach ISO 2768-mK (mittel). Für ein Nennmass von 100 mm erlaubt diese Norm beispielsweise eine Abweichung von ±0,3 mm. Stellen wir uns nun vor, diese 100 mm definieren die Breite eines Lagersitzes oder einer präzisen Führung. Eine Abweichung von 0,3 mm würde hier dazu führen, dass die Baugruppe nicht montierbar ist oder klappert. Der Lohnfertiger kann dies jedoch anhand des 3D-Modells allein nicht wissen. Er sieht nur die Geometrie.

  • Szenario 1 (Das "Billig"-Risiko): Der Fertiger kalkuliert und produziert strikt nach Allgemeintoleranz (ISO 2768-m), da keine höheren Anforderungen spezifiziert wurden. Das Teil wird geliefert, das Mass beträgt 100,2 mm. Der Kunde reklamiert, da er ±0,02 mm benötigte. Der Fertiger ist im Recht, der Kunde hat unbrauchbare Teile.

  • Szenario 2 (Das "Angst"-Risiko): Der Fertiger erkennt die Funktion des Teils (z.B. als Lagersitz) und entscheidet sich vorsichtshalber für eine hochpräzise Fertigung, um Reklamationen zu vermeiden. Er wählt teurere Werkzeuge, langsamere Vorschübe und führt eine 100%-Kontrolle durch. Das Angebot wird dadurch signifikant teurer als nötig, vielleicht sogar unwirtschaftlich im Vergleich zum Wettbewerb.

Die Hierarchie der Genauigkeit: Passungen und GD&T

Die technische Zeichnung erlaubt es dem Konstrukteur, genau dort Präzision zu fordern, wo sie funktionell notwendig ist, und an allen anderen Stellen Kosten zu sparen, indem er gröbere Toleranzen zulässt. Zwei Konzepte sind hierbei zentral, die in reinen STEP-Dateien (AP203) gänzlich fehlen:

1. Masstoleranzen und Passungen (ISO 286)

Das System der ISO-Passungen ist die Sprache des Maschinenbaus für Fügeteile. Eine Angabe wie "Ø20 H7" ist für einen Facharbeiter weit mehr als nur eine Zahl. Sie ist eine Handlungsanweisung. Sie sagt ihm: "Verwende hier nicht den Standardbohrer. Bohre vor, und verwende dann eine Reibahle oder zirkulare Frässtrategien mit Messschnitt."

  • H7 bei 20 mm bedeutet ein Toleranzfeld von 0 bis +21 µm.

  • Eine Standardbohrung nach ISO 2768-m hätte hier eine Toleranz von ±0,2 mm (also 200 µm). Der Unterschied in der Fertigungsstrategie, der Maschinenzeit und den Werkzeugkosten zwischen diesen beiden Anforderungen ist enorm. Fehlt die Angabe "H7" auf einer Zeichnung, wird das Loch einfach gebohrt – und die Welle wird später nicht passen.

2. Form- und Lagetoleranzen (GD&T)

Noch komplexer wird es, wenn nicht nur die Grösse, sondern die Form und Position von Elementen entscheidend ist. Ein Bauteil kann die korrekten Dickenmasse haben, aber dennoch "krumm" sein. Hier kommen Form- und Lagetoleranzen (Geometric Dimensioning and Tolerancing) ins Spiel, die Symbole wie Ebenheit, Parallelität, Rundlauf oder Position verwenden.

  • Beispiel Dichtfläche: Ein Flanschdeckel muss nicht nur eine bestimmte Dicke haben, sondern die Dichtfläche muss absolut eben sein, damit kein Öl austritt. Eine Ebenheitstoleranz von 0,05 mm zwingt den Fertiger dazu, das Teil spannungsarm zu spannen und eventuell zu schleifen oder planzufräsen. Ohne diese Angabe auf der Zeichnung könnte sich das Teil beim Lösen aus dem Schraubstock verziehen und undicht werden, obwohl alle Masse "stimmen".

Oberflächenbeschaffenheit: Die Haptik und Funktion (ISO 1302)

Ein weiterer Aspekt, den das 3D-Modell (ausserhalb hochkomplexer Textur-Mappings) ignoriert, ist die Mikrostruktur der Oberfläche. Die Angaben Ra (Mittenrauwert) und Rz (Rautiefe) definieren, wie glatt oder rau eine Oberfläche sein muss.

  • Ra 3,2 µm: Standard-Fräsen. Sichtbare Werkzeugspuren sind akzeptabel. Günstig.

  • Ra 0,8 µm: Feinschlichten oder Schleifen. Erfordert spezielle Schlichtwerkzeuge und längere Bearbeitungszeit. Teuer.

  • Ra 0,4 µm und feiner: Polieren oder Läppen. Sehr teuer. Fehlen diese Angaben, wird oft ein "technisch üblicher" Standard angenommen (meist Ra 3,2 bis 6,3), der für Dichtungen oder Gleitlagerungen völlig unzureichend sein kann. Umgekehrt führt das pauschale Fordern von "hoher Qualität" ohne spezifische Werte oft zu unnötigen Kosten durch "Over-Engineering".

Der juristische Vorrang: Widerspruchsmanagement

In der Praxis kommt es immer wieder zu Diskrepanzen zwischen dem 3D-Modell und der 2D-Zeichnung (z.B. Modellmass 100 mm, Zeichnungsmass 100,5 mm). Nach gängiger Rechtsprechung und den Allgemeinen Einkaufsbedingungen (AEB) vieler Unternehmen im DACH-Raum gilt hier das Prinzip der Dokumentenhierarchie. Meist hat die 2D-Zeichnung Vorrang, da sie als das vom Konstrukteur explizit geprüfte und freigegebene Dokument (erkennbar an Unterschrift und Datum im Schriftfeld) gilt. Das 3D-Modell wird oft nur als "Hilfsmittel zur Programmierung" betrachtet. Um Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden, sollten Auftraggeber jedoch in ihrer Anfrage explizit klären, welches Dokument im Konfliktfall führend ist ("Master").

Datensicherheit: Wie Schweizer Firmen und der DACH-Raum mit IP umgehen

In der globalisierten Lohnfertigung ist das geistige Eigentum (Intellectual Property - IP) oft das wertvollste Asset eines Unternehmens. Konstruktionsdaten offenbaren nicht nur die Geometrie eines Teils, sondern oft auch Funktionsprinzipien, Innovationsvorsprünge und Markttrends. Der DACH-Raum, und insbesondere die Schweiz, zeichnet sich durch ein extrem hohes Sicherheitsbedürfnis aus. Datenschutz ist hier nicht nur Compliance, sondern ein Qualitätsmerkmal.

Das "Swiss Finish" der Datensicherheit: Rechtliche Rahmenbedingungen

Die Schweiz gilt traditionell als "Datentresor" Europas. Dies liegt nicht nur an der Infrastruktur, sondern auch an einem robusten rechtlichen Rahmen.

  • Schweizer Obligationenrecht (OR): Artikel 321a OR statuiert eine Treuepflicht, die Arbeitnehmer zur Geheimhaltung verpflichtet. Diese Pflicht wird in Lohnfertigungsverträgen regelmässig auf den externen Partner ausgedehnt. Zudem stellt Artikel 162 des Strafgesetzbuches (StGB) die Verletzung von Fabrikations- oder Geschäftsgeheimnissen unter Strafe.

  • Datenschutzgesetz (DSG) vs. DSGVO: Während in der EU die DSGVO primär personenbezogene Daten schützt, ist im B2B-Kontext der Schutz von Geschäftsgeheimnissen durch Richtlinien (wie die EU-Geschäftsgeheimnis-Richtlinie) geregelt. In der Schweiz wird der Schutz von Unternehmensdaten oft noch strikter gelebt, da Diskretion tief in der Geschäftskultur verankert ist.

Die Geheimhaltungsvereinbarung (NDA) als Standard

Bevor sensible CAD-Daten (insbesondere komplette Baugruppen STEP-Dateien, die Rückschlüsse auf das Gesamtprodukt zulassen) den eigenen Server verlassen, ist der Abschluss einer Geheimhaltungsvereinbarung (Non-Disclosure Agreement - NDA) im DACH-Raum obligatorisch.

Ein wirksames NDA sollte folgende Punkte klar definieren:

  1. Definition der vertraulichen Informationen: Was genau fällt darunter? (Zeichnungen, Modelle, Stücklisten, aber auch das Wissen um das Projekt an sich).

  2. Zweckbindung: Die Daten dürfen nur zur Erstellung eines Angebots oder zur Fertigung genutzt werden, nicht für eigene Entwicklungen des Fertigers oder Weitergabe an Dritte.

  3. Konventionalstrafe: Besonders in Schweizer Verträgen ist es üblich, eine pauschale Konventionalstrafe zu vereinbaren. Dies erspart dem Geschädigten im Verletzungsfall den oft schwierigen Nachweis der exakten Schadenshöhe.

Technische Souveränität: ISO 27001 und Serverstandorte

Ein juristischer Vertrag schützt nicht vor Cyberkriminalität oder Industriespionage durch Dritte. Daher rückt die technische Sicherheit der Lohnfertiger immer stärker in den Fokus der Lieferantenauswahl.

  • Zertifizierung nach ISO/IEC 27001: Diese Norm ist der international anerkannte Standard für Informationssicherheits-Managementsysteme (ISMS). Ein Fertiger, der diese Zertifizierung vorweisen kann, hat nachgewiesen, dass er Risiken systematisch analysiert, Zutrittskontrollen implementiert und IT-Sicherheitsprozesse lebt. Für Kunden aus den Bereichen Medizintechnik, Wehrtechnik oder Luftfahrt ist dies oft ein Ausschlusskriterium.

  • Secure File Transfer: Der Versand von CAD-Daten per unverschlüsselter E-Mail gilt heute als grob fahrlässig. E-Mails durchlaufen viele Server und können theoretisch abgefangen werden. Professionelle Lohnfertiger und Online-Plattformen setzen daher auf ssL/TLS-verschlüsselte Upload-Portale oder Managed File Transfer (MFT) Lösungen.

  • Datenhaltung: Für viele DACH-Kunden ist es entscheidend, wo die Daten physisch liegen. "Swiss Hosting" oder Serverstandorte in Deutschland (Frankfurt) bieten durch die lokale Jurisdiktion einen zusätzlichen rechtlichen Schutz vor dem Zugriff ausländischer Behörden (anders als bei US-Cloud-Anbietern unter dem CLOUD Act).

Checkliste für die Anfrage: Der Weg zum perfekten Angebot

Um die "Ping-Pong"-Kommunikation zwischen Einkauf und Fertigung zu minimieren und den Prozess zu beschleunigen, sollte jede Anfrage einer strukturierten Logik folgen. Eine unvollständige Anfrage ist der häufigste Grund für Verzögerungen. Die folgende Checkliste vertieft die kritischen Punkte Material, Stückzahl, Liefertermin und Zeichnung.

1. Material: Präzision statt Handelsnamen

Eine Anfrage mit dem Materialwunsch "Edelstahl" oder "Aluminium" ist für einen Fertiger wertlos, da es hunderte Legierungen mit drastisch unterschiedlichen Preisen und Zerspanungseigenschaften gibt. Im DACH-Raum ist die Angabe der exakten Werkstoffnummer (nach DIN EN 10027-2) der Standard, um Missverständnisse auszuschliessen.

Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über im DACH-Maschinenbau omnipräsente Werkstoffe und ihre Äquivalente, da oft Verwirrung zwischen US-Normen (AISI) und DIN-Normen herrscht.

WerkstoffnummerKurzname (DIN)AISI (USA)Eigenschaften & Typische Anwendung
1.0037S235JRA283 Grade CAllgemeiner Baustahl. Gut schweissbar, günstig. Standard für Gestelle und einfache Konstruktionen. Nicht korrosionsbeständig.
1.4301X5CrNi18-10304Der "Standard-Edelstahl" (V2A). Gute Korrosionsbeständigkeit, gut polierbar. Lebensmittelindustrie, Architektur.
1.4404X2CrNiMo17-12-2316LHöherwertiger Edelstahl (V4A) mit Molybdän. Säurebeständig, für Pharmazie, Chemie und maritime Anwendungen. Teurer als 1.4301.
3.3535AlMg35754Aluminiumlegierung. Sehr gut schweissbar und eloxierbar. Standard für Blechbearbeitung und Gehäusebau.
3.1645AlCuMgPb2007"Automaten-Aluminium". Exzellent zerspanbar (kurze Späne), hohe Festigkeit. Aber: Schlecht eloxierbar und nicht schweissbar (wegen Blei/Kupfer).
1.722542CrMo44140Vergütungsstahl. Sehr hohe Festigkeit und Zähigkeit. Für Wellen, Zahnräder und hochbelastete Maschinenteile.

Strategischer Tipp: Geben Sie in der Anfrage wenn möglich Materialalternativen an (z.B. "1.4301 oder 1.4307"). Oft hat ein Fertiger eine Sorte auf Lager, während die andere bestellt werden müsste. Flexibilität hier kann den Preis senken und die Lieferzeit verkürzen. Achten Sie auch auf erforderliche Zeugnisse: Ein Abnahmeprüfzeugnis 3.1 nach EN 10204 muss bei Bestellung angefordert werden, nachträglich ist es oft nicht mehr beschaffbar.

2. Stückzahl und Losgrössen: Die Ökonomie der Rüstzeit

Die Stückzahl ist der stärkste Hebel für den Stückpreis. In der CNC-Fertigung fallen einmalige Rüstkosten an (CAM-Programmierung, Werkzeugrüstung, Einfahren der Maschine).

  • Stückzahl 1 (Prototyp): Hier dominiert der Rüstanteil den Preis. Ein Teil kann 500 € kosten, davon 400 € Rüstkosten.

  • Stückzahl 10-100 (Kleinserie): Die Rüstkosten verteilen sich. Der Preis fällt drastisch.

  • Staffelpreise anfragen: Es ist im DACH-Raum üblich und empfohlen, Staffelpreise anzufragen (z.B. 1, 10, 50 Stück). Dies gibt dem Einkäufer Transparenz über die "Skaleneffekte". Oft zeigt sich, dass 10 Teile kaum mehr kosten als 5, da der Maschinenbediener ohnehin am Gerät steht.

  • Rahmenverträge: Bei wiederkehrendem Bedarf (z.B. 1000 Stück pro Jahr) sollte nicht 10-mal 100 bestellt werden, sondern ein Rahmenauftrag mit Losabrufen vereinbart werden. Der Fertiger produziert effizient in einem Los und lagert die Ware ein.

3. Liefertermin: Realismus und Express-Optionen

Der Lieferterminwunsch sollte realistisch gewählt werden. "ASAP" (As Soon As Possible) führt oft zu unnötigen Express-Zuschlägen.

  • Standard-Marktzeiten: Für CNC-Frästeile gelten im DACH-Raum derzeit 2 bis 4 Wochen als normal.

  • Express: Viele Online-Fertiger bieten "Speed"-Optionen (3-5 Tage) gegen Aufpreis (oft +20% bis +50%) an. Dies erfordert, dass der Fertiger andere Aufträge verschiebt oder Überstunden fährt.

  • Fixtermine: Wenn ein Bandstillstand droht, muss der Termin als "Fixgeschäft" markiert werden.

4. Zeichnung und Zusatzdokumente

Neben der Geometrie (3D) und der Spezifikation (2D) können weitere Dokumente nötig sein:

  • Stückliste (BOM): Bei Baugruppen unverzichtbar, um die Hierarchie und Anzahl der Gleichteile zu verstehen.

  • Arbeitsanweisungen: Spezielle Montagevorschriften, Verpackungsvorschriften (z.B. "einzeln in VCI-Papier verpackt") oder Etikettierungswünsche.

Logistik und Incoterms: Der Weg über die Grenze

Ein Aspekt, der bei der Lohnfertigung im DACH-Raum – insbesondere im Verkehr zwischen der Schweiz (Nicht-EU) und Deutschland/Österreich (EU) – oft unterschätzt wird, ist die Logistik und Verzollung. Die Wahl der Incoterms 2020 (International Commercial Terms) regelt hierbei klar die Kosten- und Gefahrenübergänge.

  • EXW (Ex Works / Ab Werk): Der Kunde holt die Ware ab. Er trägt das volle Risiko ab der Laderampe des Fertigers. Dies ist der "nackte" Teilepreis. Für internationale Lieferungen oft ungünstig, da der Kunde die Exportverzollung organisieren muss.

  • DAP (Delivered at Place / Geliefert benannter Ort): Der Fertiger organisiert und bezahlt den Transport bis zum Kunden. Der Kunde ist jedoch für die Einfuhrverzollung und die Einfuhrumsatzsteuer verantwortlich. Dies ist ein häufiger Standard bei Online-Bestellungen.

  • DDP (Delivered Duty Paid / Geliefert verzollt): Das "Rundum-sorglos-Paket". Der Fertiger übernimmt Transport, Versicherung, Zollabwicklung und zahlt sogar die Zölle/Steuern. Für Schweizer Kunden, die in Deutschland bestellen (oder umgekehrt), ist dies die komfortabelste Lösung, da die Ware wie eine Inlandsbestellung ankommt. Allerdings preist der Fertiger diesen Aufwand und das Risiko entsprechend ein.

Ausblick: Die Zukunft der Datenvorbereitung (MBD)

Die Branche bewegt sich langsam aber stetig weg von der Zweiteilung in 3D-Modell und 2D-Zeichnung hin zur Model-Based Definition (MBD). Ziel ist es, alle Fertigungsinformationen (PMI - Product Manufacturing Information) direkt semantisch im 3D-Modell zu hinterlegen (STEP AP242).

Die Vision: Der Lohnfertiger lädt eine Datei in sein CAM-System, welches nicht nur die Geometrie fräst, sondern automatisch erkennt, dass eine Fläche eine Toleranz von ±0,01 mm hat und dementsprechend die Schlichtstrategie und den Messzyklus auf der Maschine wählt.

Bis sich dieser Standard im breiten Mittelstand des DACH-Raums durchgesetzt hat, bleibt die Beherrschung des "klassischen" Datenpakets aus sauberem STEP und präziser PDF-Zeichnung die wichtigste Kernkompetenz für einen effizienten Einkauf.

Zusammenfassung und Handlungsempfehlung

Eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Lohnfertigern beginnt lange vor dem ersten Span: Sie beginnt am Schreibtisch des Konstrukteurs und Einkäufers. Die Qualität des Datenpakets korreliert direkt mit der Qualität, dem Preis und der Liefertreue des Endprodukts.

  1. 3D-Modell (STEP AP214): Liefert die Geometrie für die Kalkulation und CAM. Muss sauber exportiert, metrisch und "wasserdicht" sein.

  2. 2D-Zeichnung (PDF): Definiert den Vertrag. Toleranzen (ISO 2768, ISO 286), Oberflächen (ISO 1302) und Form-Lagetoleranzen müssen hier eindeutig spezifiziert sein.

  3. Metadaten: Werkstoffnummern statt Handelsnamen, realistische Liefertermine und klare Stückzahlen.

  4. Sicherheit: IP-Schutz durch NDAs und sichere Übertragungswege (keine unverschlüsselten E-Mails).

Wer diese vier Säulen der Datenvorbereitung beachtet, transformiert sich vom blossen Besteller zum geschätzten Partner ("Customer of Choice") für Lohnfertiger – eine Position, die in Zeiten knapper Fertigungskapazitäten Gold wert ist.